Sonntag, 2. Januar 2011

Mein Silvester

Tag 1….das neue Jahr
Prost Neujahr!! Das ist es nun …2011. Noch ein Jahr bis zum prophezeiten, verfilmten Weltuntergang. Ich hadere mit mir selbst, ob ich dieses neue Jahr daher extrem begrüßen oder schon mal lieber in eine Art Schockstarre verfallen sollte. Farfalle….schon wieder habe ich Hunger. Wenn ich so weiteresse, bekomme ich meine eigene Postleitzahl.
Ich habe mich genau genommen gar nicht selbst entschieden was das Feiern angeht, sondern ich habe mich entscheiden lassen. Jeder Psychoanalytiker würde mir dafür wahrscheinlich den Kopf waschen, von wegen selbstbestimmtes Handeln, aber ich habe entschieden, an diesem Tag einfach Nichts zu machen und zu warten was passiert.
Eine Sache war allerdings geplant. Eine Sache, die sich tagtäglich wie das morgendliche Zähneputzen widerholt. Arbeiten. Wenn ich zurückblicke erinnere ich mich vage daran, dass ich einmal Silvester nicht arbeiten musste. Ich denke, ich wüsste heute gar nicht mehr, was ich an so einem Tag mit der unerwarteten Mehr-Zeit anfangen würde, wenn ich wirklich nochmal an Silvester frei haben sollte.
Also sitze ich von 08-14:00 h in den mir so vertrauten Büroräumen. Bitte versteht mich nicht falsch, ich mag den Job wirklich und die Schichten an Heiligabend und Silvester sind die Schönsten des ganzen Jahres. Es macht sich irgendwie eine besinnliche Stimmung breit, wenn ich jedes Jahr mit einer neuen Weihnachtsmannmütze durch die Räume laufe. Dieses Jahr hatte ich die Auswahl zwischen einer Weihnachtsmannmütze mit Blinke-Elch und einer mit einem Rentiergeweih. Ich habe mich für das Geweih entschieden. Vor 3 Jahren trug ich meine Lieblingsmütze, mit einer 1.5m hohen Spirale aus rotem Plüsch, an deren Ende eine weiße Bommel befestigt war. Dagegen sah ich dieses Jahr erschreckend normal aus.
Am Ende des Arbeitstages fallen wir uns, bedüdelt vom Sekt, in die Arme und wünschen uns frohe Weihnachten oder einen guten Rutsch, je nachdem, von welchem Arbeitstagsende ich ausgehe.
So war ich an Silvester wirklich entspannt und bereitete mich innerlich auf einen angenehm ruhigen Abend zuhause vor.
Alles, was man zu so einem Abend braucht, kaufte ich auf Nachhauseweg noch ein. Einen Ofenkäse, nein 2, denn es gab ihn gerade im Angebot, eine Flasche Sekt halbtrocken und eine Pulle Orangensaft. Der eine sagt „erbärmlich“, ich sage „ vollkommen ausreichend“!
Zufrieden mit mir selbst und gespannt auf das neue Jahr richte ich meine Schaltzentrale auf der Couch ein. Schaltzentrale bedeutet: Laptop, Handy und die entsprechenden Ladekabel in unmittelbarer Nähe, dazu alle Fernbedienungen sämtlicher elektrisch ansteuerbarer Geräte meines Haushalts nebendran. Der Tag konnte beginnen!
Tief in mir drin machte sich das Gefühl breit, dass doch nun irgendetwas passieren muss. Immerhin saß ich ja hier und wollte mich überraschen lassen, was noch so passiert. Was, wenn nun wirklich nichts passiert? Abwarten dachte ich mir, immerhin sind erst 5 Minuten vergangen seit ich auf meiner Couch angekommen bin und Mitternacht ist noch etwas hin. In 20 Minuten würde allerdings Australien Silvester feiern.
Ich fange an, an mir zu zweifeln. Ich kenne mich nun seit 30 Jahren und jeder weiß, wenn ich etwas gut kann, dann ist es, Sachen zu planen. Und zwar bis ins kleinste Detail. Einen Tag auf mich zukommen zu lassen und in Gott vertrauen, dass etwas passiert ist für mich ungefähr so, als ob sie die tragenden Teile der Golden Gate Bridge aus Pappe herstellen und bei der Eröffnung selbst darüber laufen müssen. Da wissen sie auch nach wenigen Sekunden, dass das nicht gutgehen kann.
Trotzdem, irgendetwas in mir drin sagte mir, dass alles gut wird. Ich dachte daran, wie ich mich als kleines Kind nach einem Sturz auf die Knie auf dem Arm meiner Mama gefühlt hatte. Wie ein Mantra flüsterte sie mir ins Ohr, dass alles gut wird. Sie sagte das so lange, bis ich entweder einschlief, weil der spektakuläre Teil des Sturzes schon vorbei war, oder ich gelangweilt anfing zu zappeln, sie mich wieder auf den Boden setzt und ich erneut hinfiel, mir die Knie aufschlug und wieder weinend auf Ihrem Arm landete. Ein Teufelskreis, schon damals.
Ich beschloss, mit dem ersten Highlight des Tages nicht mehr länger zu warten und platziere den Ofenkäse auf dem Backblech. Noch 20 Minuten bis zum kulinarischen Höhepunkt!
Zwischendrin kommunizierte ich mit meiner Außenwelt über alle mir zur Verfügung stehenden Medien. Internet, SMS, Telefon..schade, dass ich kein Fax habe oder Leute kenne, die ein Fax haben. Damit könnte man sich wieder schöne, handgeschriebene Briefe faxen. Der ideale Zwischenschritt von Retro und digital!
Mitternacht scheint endlos weit entfernt. Ich überlege, wann der ideale Zeitpunkt ist um vor Mitternacht schlafen zu gehen, um dann nicht kurz vor 00:00 Uhr doch noch ausversehen aufzuwachen, weil man ja eigentlich gar nicht müde war, und dann doch festzustellen, dass man Silvester nicht aus Überzeugung alleine feiert sondern, weil man einfach ein sozialer Anfänger ist. Und am nächsten Morgen steht man frustriert auf und geht glückliche Pärchen im Park vergiften.
Ich definierte den perfekten Zeitpunkt mit 22:30h und nach einer Flasche Sekt, die mich bestimmt wunderbar schläfrig machen würde.
Ich erinnerte mich an die vergangenen Silvester und dass ich an jedem einzelnen dafür getötet hätte, einfach nur in Ruhe auf der Couch liegen zu können und einschlafen zu können, wann immer ich es wollte. Jetzt habe ich endlich was ich wollte und es ist mir irgendwie auch nicht Recht.
Ich frage mich, was andere Menschen an diesem Tag so machen. Wenn ich in meiner Onlineplattform stöbere, geht die Spanne recht weit auseinander. Manche stehen kurz vor dem Sprung aus dem Fenster, andere sind um diese Uhrzeit schon nicht mehr fähig, sich nach dem grammatikalischen Regeln ihrer Muttersprache zu artikulieren. Ich stelle beruhigt fest, dass ich mich ziemlich genau in der Mitte dieser Stadien befinde. Zufrieden verspeise ich meinen leckeren Ofenkäse.
Auf einmal ist meine Welt wieder in Ordnung.
Und da, als ob sich der Himmel auftut und die Sonnenstrahlen mir wie ein Wink Gottes mich auf etwas weltbewegendes hinweisen möchten, passiert das, was ich erhofft, nein erwartet hatte. Ja gut, hinterher hat man immer gut reden, aber ich möchte einfach glauben, dass ich recht hatte, also ich den Tag ungeplant auf mich zukommen ließ wie eine Welle Salzwasser im Strand von Safaga. Ich bekomme eine E-Mail mit einer Einladung zum Raclette-Essen.
Nachdem ich meinen innerlichen Freudentanz beendet hatte, stelle ich entsetzt fest, dass es für mich unmöglich ist, heute Abend irgendwo Raclette zu essen.
Warum? Ich möchte das bildlich auflösen. In dem Moment, als ich diese E-Mail erhalte, liege ich folgendermaßen auf meiner Couch. 5 Kissen stützen meinen Rücken, mein Laptop liegt auf meinen Oberschenkeln, in der rechten Hand halte ich ein angebissenes, ungesundes Weissmehlbrötchen, dass ich mit Genuss in den, sich in meiner linken Hand befindlichen, 350 gramm schweren Ofenkäse tunke. Wie in aller Welt sollte ich in dem Zustand noch einen Happen des Raclettes essen können? Das ist physiologisch unmöglich!
Mit Brötchenkrümeln an den Fingern tippe ich schnell eine Antwort und sage zu. Über das Essen würde ich mir später Gedanken machen.
Ich mache mich also auf in die Weltstadt Dannenfels um dort ein gemütliches Silvester mit guten Freunden zu verbringen.
Tausche Couch gegen Sekt bei minus 5 Grad am Rande der Erdscheibe. Ich wusste nicht dass das Schild „Ende des Ausbaustrecke“ auch ein ernstgemeinter Hinweis sein kann. Dannenfels liegt wirklich nicht weit weg von meinem Heimatort, aber die Strecke dorthin führt durch Orte, an denen sich Fuchs und Has´ nicht nur gute Nacht sagen.
Selbstverständlich habe ich trotz meiner vorangegangenen Ofenkäse-Vorspeise noch mindestens 6 Pfannen mit Raclette Leckereien verdrückt. Ich würde später im Kalten noch genug Energie verbrennen.
Das Silvester-Happening fand mitten im Ort statt. Ich war überrascht, wie viele Leute ihren Weg in dieser Nacht dorthin fanden um miteinander das neue Jahr zu begrüßen Ich glaube, ich habe an diesem Abend hunderten Fremden ein gutes neues Jahr gewünscht. Als ich in mitten dieser vielen Leute stand, bereute ich es schon ein wenig, dass ich mein Geld in Brot statt Böller investiert hatte, denn am Fuße des Donnersbergs lag noch genug Schnee, den man mit ein paar Chinaböllern wegsprengen könnte.
Seltsamerweise hatten meine Freunde wohl den gleichen Gedanken, denn auf dem Heimweg fingen wir an, die letzen Böller dazu zu nutzen, am benachbarten Gartenhang ein paar Mini-Lawinen auszulösen. Ich überlege, ob es mittlerweile zu spät ist eine zweite Karriere bei der Österreichischen Bergwacht zu beginnen um solche Sprengungen legal durchführen zu können. In Gedanken sah ich mich schon meterlange Zündkabel über unberührte, schneebedeckte Berge zu verlegen, um die Schneemassen anschließend kontrolliert ins Tal sausen zu sehen.
Ich hielt einen Moment inne, denn dieser Traumberuf hat doch einen Haken. Man ist den ganzen Tag im Kalten. Und was sprengen diese Leute eigentlich im Sommer? Ich glaube, der liebe Gott hat sich schon was dabei gedacht, als er mir von 10 Jahren den Job in einem beheizten Büro verschafft hat. Man sollte sein Schicksal nicht zu sehr herausfordern.
Mit Erfrierungen ersten Grades, 10 Kilo Käse und 3 Sekt in meinem Bauch quetsche ich mich um 2 Uhr Nachts in mein eiskaltes Auto um mir den Weg vom Ende der Welt nach Hause zu bahnen. Glücklich und zufrieden mit mir und der Welt fahre ich zurück durch Orte, die vor ein paar Stunden noch friedlich schliefen. Nun sehen die Straßen dieser Orte aus, als hätten sich die Bewohner der gegenüberliegenden Straßenseiten die Schlacht von Waterloo mit sämtlichen im Discounter erhältlichen Böller-Batterien geliefert.
Tonnen von Schwarzpulver, Böllerpapier und sonstiges Überresten säumen meinen Weg zurück zur Autobahn.
Soviel zu 2011. Irgendwie sieht der Rest der Welt immer noch so aus wie in 2010. Die Autofahrer sind selbst am Neujahrstag um halb 3 morgens immer noch so freundlich und zuvorkommend wie letztes Jahr.
Nachdem der kurze, mitternächtliche Zusammenbruch des Mobilfunknetzes überstanden ist, bimmelt mein Handy ununterbrochen und mich erreichen etliche Neujahrwünscht von Leuten, mit denen ich schon gar nicht mehr gerechnet hatte. Ich falle erschöpft, unterkühlt, vollgefressen aber zufrieden auf meine Couch. So habe ich mir Silvester schon lange gewünscht. Ich denke, Dannenfels wird mich nächstes Jahr auch wieder als Gast begrüßen dürfen. Aber ob ich nochmal einen Ofenkäse als Vorspeise esse, überlege ich mir nochmal. Immerhin hab ich ja 364 Tage Zeit dafür.

1 Kommentar:

  1. Zitat: "Es macht sich irgendwie eine besinnliche Stimmung breit..."

    Ja, das Gefühl kenne ich in etwa. Kann mich noch sehr gut an eine Weihnachtsnacht damals vor 10 Jahren als Zivi im Krankenhaus erinnern.
    Man, was habe ich mich geärgert im wahrsten Sinne des Wortes den "Trottel vom Dienst" spielen zu müssen". Aber welch Wunder, als treusorgenden Angestellter im Dienste der Zivilisation war man mit diversen Schulpraktikanten (deren Halbwertszeit die Zweiwochengrenze kaum überschritt) ganz tieeef am Ende der Nahrungskette. Unter mir gab es lediglich nur noch den Hund vom Nachtpförtner. Da Hunde laut Tierschutzgesetzt auch Ihre Ruhezeiten brauchten konnte ich mich noch so viel beklagen, die Sonderschicht wurde ich nicht los. Ach... hätte ich damals schon deinen Blog gelesen, vielleicht wäre ich auf die Idee gekommen mit einer Mischung aus zu viel Ofenkäse und Sekt einen spontanen Blinddarmbruch zu simmulieren (nur hätte mich das statt nach Hause wohl nur 2 Etagen tiefer ins Krankenbett gebracht).
    Meine glorreiche Tätigkeit bestand also damals darin in unregelmäßigen Abständen Laborberichte vom Hochhaus zu den einzelnen Stationen zu verteilen. Eine Arbeit die heute in Zeiten von Email & Co undenkbar wäre. Seltsamerweise habe ich es sehr genossen. Die Zimmer, Flure und Treppen derart ruhig zu erleben war für mich befremdent bis fasziniernd zugleich. Dieses Gefühl verstärkte sich zunehmend, wenn ich am Eingangsbereich vorbei kam. Wo vor wenigen Stunden noch hektisches Treiben die Runde machte, Besucher im Sekundentakt Ihren Weg zum Fahrstuhl oder Treppenhaus suchten war nun friedvolle Stille die lediglich hin und wieder ein gluksendes Schnrachen des Hundes vom Nachtpförtner unterbrach.
    Besinnlich wurde es dann, als ich entschloss irgendwann nach Mitternacht in den 11 Stock aufs Dach zu gehen. Ich kann mich noch dran erinnern, dass es schon in den frühen Abendstunden leicht anfing zu schneien. Oben angekommen bot sich mir ein einmaliger Anblick. Vor mir die warmen Lichter der Stadt, die Dächer weiss gezaubert... das einzige was sich bewegte war der lautlose Tanz der Schneeflocken. Einfach überweltigend!
    Kennst du diese wenigen perfekten Momente im Leben wo eine Sekunde, ein Augenblick für einen Moment zu einer wunderbaren Ewigkeit wird. Indem du das Gefühl hast, die Welt bleibt für dich stehen, damit du Zeit findest den ganzen Zauber erfassen und halten zu können?
    Es bleibt für mich eine meiner schönsten Erinnerungen.
    Grüße,
    Frank

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